Situationistische Internationale

Situationistische Internationale
HÄUSER, IN DENEN MAN NUR LIEBEN KANN

Vielen gilt die Situationistische Internationale als eine der letzten klassischen Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts. Von Frankreich ausgehend und zu jedem Zeitpunkt international orientiert ersuchten die Situationisten mit Hilfe experimenteller Strategien die größtmögliche emanzipatorische Erneuerung der Gesellschaft. Insbesondere die herrschende Architektur des kapitalistischen Urbanismus ist ihr dabei zuwider gewesen.

Die Ursprünge der Situationistischen Internationale (SI) sind im wütenden, künstlerischen Milieu des Nachkriegsparis der 50er Jahre zu suchen. Zunächst sehr unorganisiert, aber keinesfalls wirkungslos machten in dieser Zeit einige wenige Jugendliche – lebensmüde Rebellen – auf sich aufmerksam. Sie erhoben ihr unpassendes und schlechtes Benehmen zum Kampfstil, was hervorragend mit dem sowohl originellen, als auch einzigen Kennzeichen des Kollektivs harmonierte: ihren schmutzige Uniformen. Mit Parolen beschmierte Hosen und bunt gefärbte Haare waren Ausdruck von Unzufriedenheit. Trinken wurde zur Methode.(1)

Dass diese Gruppe nicht auf ihren Größenwahn und ihre zur Schau getragene Unangepasstheit zu reduzieren ist, zeigen die verschiedenen Transformationsstufen, die sie durchlief und ihr daraus resultierendes historisches Vermächtnis. Der Gründung der SI geht eine Phase der Auseinandersetzung mit lettristischen Fragestellungen voraus, die, vom in die Jahre gekommenen Dadaismus und Surrealismus gelangweilt, in einer neuen Kunstform mündete. Der Lettrismus diente der Radikalisierung der Programme alter Avantgardebewegungen und hatte die Zerstörung der Poesie zum Ziel.(2)

Die endgültige Einverleibung der Kunst in den Markt jedoch, welche mit der fortschreitenden Kommerzialisierung des Dadaismus seinen Höhepunkt fand, veranlasste Guy Debord, graue Eminenz der SI, sein Ziel, die Kunst abzuschaffen und in ein freies Leben zu überführen, vehementer als zuvor zu verfolgen. Dies zum Anlass, gründete sich die SI am 29. Juli 1957 in der norditalienischen Stadt Cosio d’Arroscia. Die Revolution der Gesellschaft als letztes großes Gesamtkunstwerk sollte die Kunst im Dienste der Revolution ablösen. Zu diesem Zweck entwarfen die Mitglieder progressive Strategien, agierten verstärkt vom Sozialen aus und lenkten den Blick auf ein neues, großes Experimentierfeld: die Stadt.(3)

In ihrem publizistischen Organ, der Revue International Situationniste (IS), deren heutige Lektüre „den Eindruck eines phantastischen, vergessenen Aufbruchs“(4) vermittelt, paarte sich revolutionärer Ernst mit obskurem Witz und Selbstironie. Wie weit die Situationisten bestrebt waren zu gehen, verdeutlichen die ersten Zeilen ihres Gründungsmanifests: „Wir wollen die größtmögliche emanzipatorische Veränderung der Gesellschafft und des Lebens, in die wir eingeschlossen sind.“(5) Gilles Ivain liefert in seinem Formular für einen neuen Urbanismus, erschienen 1958 in der ersten Ausgabe der IS, in durchaus polemischer Weise Gründe für die starke Ablehnung der gesellschaftlichen Verhältnisse: „Eine Geisteskrankheit hat unsere Welt befallen: die Herrschaft der Banalität. Jeder ist durch die Produktion und den Komfort – Kanalisation, Fahrstühle, Badezimmer, Waschmaschinen … – hypnotisiert.“(6) Um an vergessene Begierden zu erinnern und um neue zu schaffen, plädiert er im weiteren Verlauf seiner Schrift für eine völlige geistige Wende.

Dabei schenkten die Situationisten Marx‘ Annahme, das Sein bestimme das Bewusstsein, Glauben und ersuchten mittels der Störung, Radikalisierung, Zweckentfremdung, Umwertung und spielerischen Inszenierung konkreter alltäglicher Situationen eine Veränderung des Seins herbeizuführen, die sich letztendlich auf das Bewusstsein überträgt. Der Konditionierung des Bewusstseins durch das Spektakel (im Gebrauch der SI: der moderne Kapitalismus, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs für die Verfestigung neokapitalistischer Verhältnisse sorgt) sollte folglich eine Entkonditionierung durch die Konstruktion von Situationen gegenüberstehen.(7)

Der unitäre Urbanismus

Das Hauptaugenmerk der SI lag somit auf der Zerstörung des stumpfsinnigen Warenalltags, wobei ihr vor allem die herrschende Architektur des kapitalistischen Urbanismus zuwider gewesen ist.(8) Man gelangte zu der Erkenntnis, dass sich das Spektakel sowohl des Mentalen der Menschen, als auch der Raumordnung der Stadt angenommen hat. Die aus diesem Grund notwendige Wiedereinführung des Subjekts als Faktor für den Raum, die rationale Erweiterung der Psychoanalyse zugunsten der Architektur (Psychogeographie), ist eine der großen Errungenschaften der SI. Vor diesem Hintergrund erdachte man eine geschmeidigere, vergnügtere nächste Zivilisation, in der es „Räume geben [soll], die einen besser träumen lassen als Drogen, und Häuser, in denen man nur lieben kann.“(9)

Eine weitere treffende Bestandsaufnahme Ivains verdeutlicht die Problematik der zu Passivität gezwungenen Individuen des Nachkriegsparis der 50er Jahre: „Wir langweilen uns in der Stadt und nur wer sich enorm müde läuft, kann noch geheimnisvolle Namen auf den Straßenschildern entdecken.“(10) Während die kapitalistische Produktion auf der einen Seite für eine gesteigerte Vereinheitlichung des Raums sorgt, steht dem auf der anderen Seite die totale Ausdifferenzierung und Trennung der Menschen im Übergang zur urbanen Gesellschaft gegenüber. Nach Meinung der SI bietet genau dieses ausdifferenzierte und bewegliche Moment des Urbanen Spielraum für Emanzipation.(11)

Mit dem Konzept des unitären Urbanismus im Mittelpunkt ihres Denken planen die Situationisten infolgedessen „ein Experimentierfeld für den sozialen Raum der zukünftigen Stadt.“ Der unitäre Urbanismus widersetzt sich dem passiven Spektakel, „dem Grundsatz unserer Kultur“. Mit ihm soll der zur bewegungslosen Lehre erstarrte Funktionalismus aufgehoben und „das Fundament einer Zivilisation der Freizeit und des Spiels“(12) geschaffen werden. Er ist die „Theorie der gesamten Anwendung der künstlerischen und technischen Mittel, die zur vollständigen Konstruktion eines Milieus in dynamischer Verbindung mit Verhaltensexperimenten zusammenwirken.“(13)

Das von der SI mit dem unitären Urbanismus konstruierte Experimentierfeld für den sozialen Raum der zukünftigen Stadt dient in letzter Konsequenz der totalen Einheit der menschlichen Umwelt. Die in der damaligen kapitalistischen Gesellschaft vorherrschende Trennung von Arbeit, kollektiver Freizeit und Privatleben ist aufzulösen und in eine Einheit aus Kunst, Politik und Alltagspraxis zu überführen, die neue Handlungsspielräume eröffnet.(14)

Dérive, Psychogeographie und Détournement: Situationistische Strategien

Die von Ivain geforderte völlige geistige Wende, der eine permanente Revolution des Alltagslebens zur Wiedergewinnung des enteigneten Menschlichen zugrunde liegt, sollte durch verschiedene situationistische Strategien eingeleitet werden: Zum einen diente das experimentelle Umherschweifen (Dérive) der psychogeographischen Kartierung des Raums, zum anderen wurden rückständige Strukturen zweckentfremdet (Détournement). Anwendung fanden diese Strategien vorwiegend in den Städten, da die Situationisten glaubten, das Urbane neu gestalten, es fast beliebig verändern zu können.

Ausgangspunkt des Dérive, „eine[r] Technik des eiligen Durchgangs durch abwechlungsreiche Umgebungen“(15), ist der Verzicht auf bekannte Bewegungs- und Handlungsabläufe. Ziel dieser situationistischen Revolutionsstrategie ist es, „sich den Anregungen des Geländes und der ihm entsprechenden Begegnungen hinzugeben.“(16) Bisher ungenutzte Potentiale einer Stadt sollen kollektiv erkundet werden. Auf diese Weise ist das Umherschweifen zugleich Entwicklung und Vollzug neuer Verhaltensweisen, die alternative Möglichkeiten aufzeigen, eine Stadt zu bewohnen. Es kombiniert Rationales mit Irrationalem, Bewusstes mit Unbewusstem, was, so die Mitglieder der SI, zwangläufig die Erschaffung einer neuen Zivilisation nach sich zieht.(17)

In ihrer Schrift Theorie des Umherschweifens steckt die SI die Rahmenbedingungen des Dérive ab, so empfiehlt sich das experimentelle Umherschweifen beispielsweise in Kleingruppen gleichen Bewusstseins, vorzugsweise nicht bei andauerndem Regen und in jedem Fall mit festgelegten Ausgangspunkten und kalkulierten Eindringungsrichtungen zur Erforschung eines Spielraums.(18) Die detaillierten Anregungen verdeutlichen, dass der Zufall beim Dérive eine wesentlich geringere Rolle spielt als vielleicht angenommen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Städte ein psychogeographisches Bodenprofil „mit beständigen, festen Punkten und Strudeln“(19) besitzen. Mittels der theoretischen Grundlage des Dérive ist es erstmals möglich, diese psychogeographische Gliederung einer modernen Stadt aufzuzeichnen. Psychogeographie meint somit „die Erforschung der Gesetze und der genauen Wirkungen einer bewusst oder unbewusst gestalteten Umwelt, die einen direkten Einfluß auf das Gefühlsverhalten ausübt.“(20)

Die Revolution des Alltagslebens findet folglich nicht im Privaten, sondern unmittelbar auf den Straßen der Städte statt. Das subversive Potential des experimentellen Umherschweifens und der auf ihm aufbauenden psychogeographischen Kartierung leiten die Situationisten aus ihrer dysfunktionalen Ausrichtung ab, die sie im Widerspruch stehen lässt zu „Bewegungs- Wahrnehmungs- und Aneignungsimperativen, denen die Menschen in der kapitalistischen Stadt unterworfen sind.“(21)

Das Détournement, am ehesten mit Zweckentfremdung zu übersetzen, welches zu Beginn vor allem in ästhetischem Zusammenhang verwendet worden ist und nach und nach, auf die politische Aktion ausgeweitet, zur Signatur der ganzen Gruppe avancierte, gilt der SI als eine der wirksamsten Strategien bei der Zerstörung des stumpfsinnigen Warenalltags. „Zweckentfremdung zerstückelt die scheinhafte Totalität des Spektakels und erlaubt, aus den Trümmern und Bruchstücken, die in einen neuen subjektiven Sinnzusammenhang gestellt werden, die kreative Produktion der eigenen Lebenswirklichkeit. Sie ist die Bedingung zur Kreation von Milieus, in denen neue Identitäten und Werte in beliebiger Zahl spielerisch generiert werden können.“(22)

The Naked City vs. New Babylon

Mit The Naked City von Debord und Constants New Babylon liegen zwei Entwürfe einer Stadt vor, die von gegensätzlichen Prämissen ausgehen. „Wir stehen nur am Anfang der städtischen Zivilisation- wir müssen sie erst noch selbst schaffen, wenn auch von bestehenden Bedingungen ausgehend.“(23) Diese Aussage spiegelt die Meinung Debords wieder, der in der realen Stadt und Architektur genügend Spielraum für revolutionäre Veränderungen sieht und glaubt, dass das Bestehende lediglich umfunktioniert werden muss, wozu Dérive, Psychogeographie und Détournement als Mittel des kollektiven, kreativen Eingreifens zur Verfügung stehen. Constant hingegen legte mit New Babylon, welches anfänglich Dériville heißen sollte, den utopischen Entwurf einer völlig neuen Stadt vor, die das ziellose Umherschweifen nicht zum Mittel, sondern zum Inhalt hat. Er zeichnet das Bild einer bedeckten Stadt, „in der der Plan der getrennten Straßen und Gebäude vor dem einer ununterbrochenen, vom Boden losgelösten Raumkonstruktion gewichen ist.“(24) New Babylon diente ihm dabei als Metapher für die Kritik, aber auch für die Aneignung des realen Lebensraums.(25)

Debords Modell eines Stadtplans, The Naked City, besteht aus 19 Fragmenten des herkömmlichen Pariser Plans, die mit roten Pfeilen verbunden sind. Jedes dieser Bruchstücke steht für eine „spezifische, atmosphärische Einheit“, die Pfeile verdeutlichen „die spontanen Richtungsänderungen eines Subjekts.“(26)

Im Gegensatz zu gewöhnlichen Stadtplänen, die auf dem Modell des Sehens beruhen, legt The Naked City, als graphische Darstellung der Psychogeographie, den Fokus auf die Bewegung: Das experimentelle Umherschweifen ermöglicht die psychogeographische Erfassung bestimmter Areale und zeigt somit eine völlig entblößte, nackte Stadt. Ziel dieser neuen Form des Plans ist die Zerschlagung habitueller Muster. Die fast nicht mehr lesbare Fragmentierung des regulären Pariser Stadtplans verdeutlicht eindringlich das Ausmaß der Ablehnung seines totalitären Blickwinkels. Debords Herangehensweise dient der Entlarvung klassischer Pläne als Produkt eines bestimmten, herrschenden Diskurses, da mit ihrer Hilfe die Homogenisierung von Konflikten innerhalb des kapitalistischen Raums vorangetrieben wird.(27)

Die Situationisten erkennen, dass städtischer Raum und soziale Verhältnisse nicht voneinander zu trennen sind. Dies ist Grundlage für den Glauben, durch aktive Konstruktion neuer atmosphärischer Einheiten gesellschaftliche Verhältnisse verändern zu können. Der Raum bleibt infolgedessen nicht mehr länger nur Kontext, er wird Teil der sozialen Praxis. Debords Stadtplan, der zugleich Abbild, als auch radikale Kritik einer, aufgrund vielfältiger Umstrukturierungen der kapitalistischen Gesellschaft, fragmentierten Stadt ist, erwächst zum „Schauplatz des Kampfes.“(28) Obwohl eine homogenisierende Ideologie die Widersprüche des kapitalistischen Raums zu verdecken weiß, kommt dieser dennoch nicht völlig ohne Brüche aus – er wird zur Arena. Besagte Widersprüche sind Grundlage der Erkundung der städtischen Psychogeographie und der Gestaltung von Differenz erzeugenden, neuen Räumen. Debord verortet den kulturellen Kämpf demnach inmitten der bestehenden Städte.(29)

In seiner 1959 veröffentlichten Schrift Eine andere Stadt für ein anderes Leben kritisiert Constant, dass Autoverkehr und Komfort zu Hause, „die erbärmlichen Ausdrucksformen des bürgerlichen Glücks, die kein Interesse am Spiel haben“, immer mehr in den Vordergrund rücken. Er bezeichnet die Städte der 50er Jahre als „Friedhöfe aus Stahlbeton“(30), in denen Langeweile vorherrscht.

Mit seiner Version einer zukünftigen Stadt, New Babylon, unternimmt er den Versuch, das Bild eines Urbanismus zu zeichnen, der an den wahren Bedürfnissen der Menschen anknüpft. Sein Entwurf eines Zigeunercamps von 1956, der sich an den leichten und transportablen Bauelementen von Zirkuszelten orientiert, ist der Beginn einer Serie von Vorschlägen für seine Stadt der Zukunft. Hierbei verknüpft er, mit Blick auf die Hauptbeschäftigung der Bewohner New Babylons, dem Dérive, die nomadisierende Lebensweise der Zigeuner mit gebundener Stadtarchitektur.(31)

Constant sieht in New Babylon eine neue Weltstadt, „die den nicht-seßhaften, ständig umherziehenden Menschen voraussetzt und sich durch dessen Verhalten fortwährend neu gestaltet.“(32) Im Zentrum seiner Vision steht demzufolge der Homo Ludens, der spielerische Mensch. Dieser spielerische Ansatz findet sich beispielsweise auch in Constants Entwürfen wieder, die keine klare Auskunft über die zukünftige Ausgestaltung von Gebäuden, sondern lediglich Annäherungen liefern.

Vehement widersprach Constant der häufig geäußerten Behauptung, New Babylon sei lediglich ein phantastischer Traum: „Es [ist] vom technischen Standpunkt durchführbar, vom menschlichen Standpunkt wünschenswert […] und vom gesellschaftlichen Standpunkt unumgänglich.“(33)

Die Bedeutung situationistischer Ideen für die Jetztzeit

Im Jahr 1972 löste sich die SI auf. Für diesen Schritt gab es zweierlei Gründe: Zum einen wollte man Legenden- und Mythenbildungen aus den eigenen Reihen zuvorkommen, zum anderen beurteilte man die sich weltweit entwickelnden Voraussetzungen für revolutionäre Maßnahmen positiv, rückblickend zu positiv.

Auch heute noch ist die SI ein häufig zitierter und überaus spannender Bezugspunkt für den gesellschafts- und kunsttheoretischen Diskurs, aber auch für Architektur und Stadtplanung. Weil die Situationisten die permanente Revolution des Alltagslebens anstrebten, ist es möglich gewesen, dass viele ihrer Strategien spurlos im Alltag aufgehen konnten.(34) Der Utopismus der 60er Jahre geriet immer mehr zum gesellschaftlichen Mainstream. Ausdruck dieser Entwicklung ist die reale Öffnung des Alltagslebens, jedoch oftmals unter umgekehrten Vorzeichen, was seine deutlichste Ausprägung im so genannten urbanen Prekariat findet: „negative Flexibilisierung am Arbeitsplatz oder besser noch: die Selbstverwirklichung als Selbstausbeutung in Form ewiger Praktika und freier Produzentenschaft – urbanes Prekariat.“(35)

Dennoch äußert Anh-Linh Ngo in seinem Artikel Vom unitären zum situativen Urbanismus aus dem Jahr 2007 die Vermutung, dass sich die Strategien der SI aktuell mit Leben füllen lassen. Gerade das Phänomen schrumpfender Städte, aber auch andere Krisenzeichen, offenbaren die Möglichkeit, Stadt als immateriellen Bezugsraum zu verstehen. Er geht, dem optimistischen Duktus seiner Quintessenz folgende, davon aus, dass die jüngeren Generationen einen bedeutenden Fehler nicht wiederholen: Sie schreiben dem Kapitalismus nicht nur eine zielgerichtete, sondern viele unterschiedliche Logiken zu und erkennen somit seine ungemeine Anpassungsfähigkeit an. Man hat verstanden, dass es sich beim Kapitalismus „gewissermaßen [um] eine Ideologie [handelt], die sich ständig neu erfindet, indem sie Kritik absorbiert.“(36) Ähnlich, wenn auch etwas pessimistischer in seiner Grundstimmung, argumentiert Christopher Dell in der zweiten Ausgabe des urban spacemag: „Aktuelle neue Bewegungen […] werden zeigen müssen, inwieweit dasjenige, was als Unabgegoltenes des Situationismus [sic!] in der Geschichte offen bleibt, in eine neue Form der Verhandlung darüber geführt werden kann, wie Raumaneignung und -produktion der Stadt heute aussehen könnte.“(37)

Positive Beispiele für aktuelle Entwicklungen in der Raumaneignung und -produktion liefert die Schwerpunktausgabe Situativer Urbanismus der archplus – Zeitschrift für Architektur und Stadtforschung.

So beschreibt Daniel Belasco Rogers in seinem Text Die Alltagspraxis des Mapping(38) beispielsweise ein Projekt, in dem er sich moderne Technologien (GPS) zunutze macht und aufzeichnet, wie er nach seinem Umzug nach Berlin diese für ihn neue Stadt physisch kennenlernte. Die Ergebnisse erinnern stark an den Versuch der Situationisten mittels des experimentellen Umherschweifen zu eine psychogeographischen Kartierung bestimmter Gebiete zu kommen. Mit dem Thema Zweckentfremdung befasst sich das Autorenkollektiv Urban Catalyst in seinem Artikel Open-Source Urbanismus(39): Es legt Potentiale scheinbar funktionsloser Areale die sich in einem luftleeren Raum zwischen alter Nutzung und neuer Planung befinden offen. Zweckentfremdet können sie oftmals, vor allem im kulturellen Bereich, Grundlage für die Entfaltung neuer Aktivitäten sein. Außerdem zeigen Dells Ausführungen zur Performanz des Raums(40), wie Improvisation neu gedacht als strukturnutzende, situative Überschreitung des Plans verstanden werden kann.

1 vgl. Roberto Ohrt, Phantom Avantgarde. Eine Geschichte der Situationistischen Internationale und der modernen Kunst, Hamburg 1997, S. 51 // 2 vgl. Heinz Stahlhut, Juri Steiner, Siebe Tettero, Stefan Zweifel, In girum imus nocte et consumimur igni, archplus 183 2007, S. 24 // 3 vgl. ebd., S. 25f. // 4 Ohrt, Phantom Avantgarde, a.a.O., S. 8 // 5 Guy Debord, Rapport über die Konstruktion von Situationen, Hamburg 1980 // 6 Situationistische Internationale, Formular für einen neuen Urbanismus, 1958 (via) // 7 vgl. Stahlhut et al., In girum imus nocte et consumimur igni, a.a.O., S. 25 // 8 vgl. Biene Baumeister Zwi Negator, Situationistische Revolutionstheorie. Communistische Aktualität und linke Verblendung, in: Stephan Grigat, Johannes Grenzfurthner, Günther Friesinger (Hrsg.), Spektakel – Kunst – Gesellschaft. Guy Debord und die Situationistische Internationale, Berlin 2006, S. 9 // 9 SI, Formular für einen neuen Urbanismus, a.a.O. // 10 ebd. // 11 vgl. Christopher Dell, Situationismus [sic!]. Die Lust am Spektakel, urban spacemag 2 2010, S. 46 // 12 Situationistische Internationale, Der unitäre Urbanismus am Ende der fünfziger Jahre, 1959 (via) // 13 Anh-Linh Ngo, Vom unitären zum situativen Urbanismus, archplus 183 2007, S. 20 // 14 vgl. Ngo, Vom unitären zum situativen Urbanismus, a.a.O., S. 20 // 15 Situationistische Internationale, Theorie des Umherschweifens, 1958 (via) // 16 ebd. // 17 vgl. Francesco Careri, Walkscapes. Gehen als ästhetische Praxis, archplus 183 2007, S. 35ff. // 18 vgl. SI, Theorie des Umherschweifens, a.a.O. // 19 ebd. // 20 Situationistische Internationale, Versuch einer psychogeographischen Beschreibung der Pariser Hallen, 1958 (via) // 21 Michael Müller, Das Bild als Raumkonstituens, archplus 183 2007, S. 81 // 22 Juri Steiner, Détournement. Zweckentfremdung, archplus 183 2007, S. 82 // 23 SI, Der unitäre Urbanismus am Ende der fünfziger Jahre, a.a.O. // 24 Situationistische Internationale, Eine andere Stadt für ein anderes Leben, 1959 (via) // 25 vgl. Ngo, Vom unitären zum situativen Urbanismus, a.a.O., S. 20 // 26 Tom McDonough, Situationistischer Raum, archplus 183 2007, S. 56 // 27 vgl. ebd., S. 57 // 28 ebd., S. 58 // 29 vgl. ebd., S. 58f. // 30 SI, Eine andere Stadt für ein anderes Leben, a.a.O. // 31 vgl. Ohrt, Phantom Avantgarde, a.a.O., S. 118 // 32 Ohrt, Phantom Avantgarde, a.a.O., S. 126 // 33 SI, eine andere Stadt für ein anderes Leben, a.a.O. // 34 vgl. Ngo, Vom unitären zum situativen Urbanismus, a.a.O., S. 20 // 35 Dell, Situationismus, a.a.O., S. 48 // 36 Ngo, Vom unitären zum situativen Urbanismus, a.a.O., S. 21 // 37 Dell, Situationismus, a.a.O., S. 48 // 38 vgl. Daniel Belasco Rogers, Die Alltagspraxis des Mapping, archplus 183 2007, S. 52f. // 39 vgl. Philipp Misselwitz, Philipp Oswalt, Klaus Overmeyer, Nina Brodowski, Open-Source Urbanismus. Vom Inselurbanismus zur Urbanität der Zwischenräume, archplus 183 2007, S. 84ff. // 40 vgl. Christopher Dell, Die Performanz des Raums, archplus 183 2007, S. 136ff.

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